Claudiu Silvestru, 14.03.2026
Die Frage nach der Verantwortung des Menschen für die Schöpfung ist heute aktueller denn je. Klimakrise, Ressourcenknappheit und soziale Ungerechtigkeit stellen uns vor Herausforderungen, die weit über technische Lösungen hinausgehen. Auffallend ist dabei: Die großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – teilen nicht nur einen gemeinsamen Ursprung, sondern auch ein gemeinsames ethisches Fundament im Umgang mit der Welt.
Alle drei Religionen gehen auf den Glauben an den einen Gott, den Schöpfer von Himmel und Erde, zurück. Der biblische Schöpfungsbericht, der auch im Judentum grundlegend ist, beschreibt die Welt als „sehr gut“. Der Mensch wird als Ebenbild Gottes geschaffen – nicht als Besitzer der Erde, sondern als ihr Hüter. Ähnlich spricht der Islam vom Menschen als „Khalifa“, als Statthalter Gottes auf Erden. Auch hier ist die Schöpfung kein Eigentum, sondern eine anvertraute Gabe, für die Dankbarkeit zu zeigen und Rechenschaft abzulegen ist.
Im Judentum findet sich mit dem Prinzip Bal Taschchit ein klares Verbot mutwilliger Zerstörung. Nichts darf ohne Not vernichtet oder verschwendet werden. Diese Haltung prägt bis heute die Verantwortungs- und Respektethik.
Das Christentum in seinen unterschiedlichen Konfessionen hat diesen Gedanken weitergeführt und – besonders in jüngerer Zeit – deutlich hervorgehoben. Die Bewahrung der Schöpfung gilt nicht als Nebenthema, sondern als Teil christlicher Nächstenliebe: Wer die Welt zerstört, schadet immer auch dem Menschen.
Im Islam wird die Natur als Zeichen Gottes verstanden. Maßhalten, Gerechtigkeit und Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung sind religiöse Pflichten. Umweltzerstörung gilt als Ausdruck menschlicher Selbstüberhebung.
Gotthold Ephraim Lessing widmete der Gemeinsamkeit trotz unterschiedlicher Glaubensformen in den drei Religionen sein Drama Nathan der Weise. In der berühmten Ringparabel erzählt Nathan von drei Ringen, die äußerlich gleich sind. Keiner der drei Erben kann beweisen, dass er den „echten“ besitzt. Entscheidend für die Größe des Erben ist jedoch nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Handeln aus Liebe, Menschlichkeit und Verantwortung. Übertragen auf die Religionen heißt das: Nicht die Überlegenheit des eigenen Glaubens zählt, sondern das moralische Handeln, das aus ihm erwächst.
Die Schöpfungsverantwortung ist ein Feld, auf dem diese Einsicht konkret wird, denn trotz einzelner Weltbilder und Glaubensformen sind alle und alles von der Schöpfung – dem Sammelbegriff par excellence – erfasst und betroffen. Wenn Judentum, Christentum und Islam den Menschen übereinstimmend als Verantwortlichen vor Gott verstehen, dann ist der Schutz der Schöpfung ein gemeinsamer Auftrag – über religiöse Grenzen hinweg.
Lessings Botschaft bleibt aktuell: Wahrer Glaube zeigt sich nicht im Besitz der Wahrheit, sondern im verantwortungsvollen Umgang mit der Welt und miteinander. In diesem Sinne kann – ja: muss – die Sorge um Gottes Schöpfung zu einem Ort der Begegnung werden – zwischen Religionen, Generationen und Kulturen. Oder um es mit der Ringparabel zu sagen: Die drei identischen Ringe, die die Erben erhalten, verbindet die Schöpfungsverantwortung zu einer Kette, auf deren Zusammenhalt die Bewahrung der Schöpfung angewiesen ist.
